Egon Bahr prägte den Begriff „Wandel durch Annäherung“. Seine „Politik der kleinen Schritte“ führte vor vierzig Jahren zur allmählichen Annäherung zwischen Ost und West und machte den kalten Krieg ein gutes Stück weniger gefährlich.

Im Dezember 2011 war Bahr auf Einladung der Regierung eine Woche in Taiwan. Man erhoffte sich offenbar Anregungen fürs Verhältnis zwischen Taiwan und China. Da gibt es ja tatsächlich einige Parallelen zur deutschen Teilung – aber auch wichtige Unterschiede.

Wenige Tage nach seinem 90. Geburtstag habe ich in Berlin mit Bahr über seine Taiwan-Reise und die politische Situation in Asien gesprochen.

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Medienberichte über das Interview

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Was hat Sie in Taiwan überrascht oder beeindruckt?

Ich habe noch nirgendwo eine solche Ansammlung von Zement und Straßen und Straßenkreuzungen und hochgebaut und übergebaut gesehen. Na gut, das ist klar, das ist bei der Begrenztheit des Areals gar nicht anders vorstellbar. Aber es ist eben ein Stück hochmodernes, ein Teil hochmoderner Entwicklung, und anders kann Taiwan auch gar nicht weiter leben. Sie müssen das so machen. Also, einen Schönheitswettbewerb kann man damit nicht gewinnen, aber das ist halt die Zweckmäßigkeit, die daraus spricht, und die Notwendigkeit.

Laut einem Zeitungsbericht haben Sie Taiwan geraten, dass es sich nicht zu schnell an China annähern soll?

Ich habe streng darauf geachtet, Taiwan und seiner Regierung keine Ratschläge zu geben. Das ist unmöglich für einen Menschen, der da zum ersten Mal ist und überrascht gewesen ist von der Tatsache, dass die Linie des Präsidenten einen für mich erkennbaren überraschenden, enormen Erfolg gehabt hat. Also, Wandel durch Annäherung, kleine Schritte, Grundlagenvertrag sind Vokabeln, die den dortigen Gesprächspartnern ohne jeden Akzent in deutscher Sprache geläufig sind. Das ist sehr bemerkenswert, und der Erfolg ist unbestreitbar, wenn ich mir überlege, dass der alte Stadtflugplatz in Taipeh nur für die Verbindungen nach China und nach Japan reserviert ist und dort 500 Starts und Landungen jeden Tag passieren, das ist ja nicht so furchtbar viel weniger als das was Frankfurt jeden Tag an Flugverkehr erledigt, dann ist das ja schon bemerkenswert. Und der neue Flugplatz außerhalb ist für den internationalen Verkehr, auf dem ich ja auch angekommen und abgeflogen bin. Das heißt, die Intensität der Verbindungen zum Mainland und zu Japan sind dort in einer Weise entwickelt, die wir gar nicht richtig hier aufgenommen haben in Deutschland.

Wie beurteilen Sie die Chinapolitik von Taiwans Regierung?

Die unterschiedliche Interpretation, was die Ein-China-Politik insgesamt bedeutet für China und für Taiwan, ist ja ein kunstvolles Arrangement. Sehr klug, und der Gewaltverzicht kommt dann erst an dritter Stelle. Den muss man ein bisschen höher rücken, glaube ich. Jedenfalls wird die Erhaltung des Friedens, sprich der Stabilität, an erster Stelle stehen.


Die Opposition befürchtet, dass Taiwan sich China bis zu einem Punkt nähert, ab dem es nicht mehr selbstständig entscheiden kann. Sehen Sie diese Gefahr auch?

Also erstens bin ich kein Schiedsrichter und werde mich in innerpolitische Diskussionen auf Taiwan nicht einmischen. Ich bin der Überzeugung, dass die Politik, die Präsident Ma gemacht hat, richtig war. Und dass sie fortgesetzt wird, halte ich auch für richtig. Und der Rest ist nicht ausrechenbar, das ist Geschichte. Da können wir keine Computer für einsetzen.

Wo liegen Unterschiede zwischen der deutschen Teilung und der Situation zwischen Taiwan und China?

Die Situation in Deutschland war deshalb unvergleichbar, weil wir es mit dem Ost-West-Verhältnis zu tun hatten, das heißt, da waren im wesentlichen Amerika auf der einen Seite, die Sowjetunion auf der anderen Seite, die aufgepasst haben, dass die Kinder sich anständig verhielten und keinen Unsinn machten. Das heißt, es war eine überschaubare Situation, und sowohl Amerika wie die Sowjetunion haben diese Situation mit großem Verantwortungsbewusstsein gehandhabt. Das ist nicht vergleichbar damit, dass wir damals unterhalb dieser unkündbaren Siegerrechte begonnen haben, deutsche Interessen zu entwickeln und eine Politik zu betreiben, in der die Rechte dieser beiden Supermächte de facto so weit reduziert wurden, dass beide zum Schluss 1990 gar nicht mehr anders konnten, als die Souveränität dem kleiner gewordenen Deutschland zurückzugeben. Das alles ist unvergleichbar. Es ist auch unvergleichbar, dass das Ganze basierte darauf, dass die beiden Großen die einzigen waren, die über atomare Zweitschlagsfähigkeit verfügten, interkontinental, also einen Atomschirm aufgespannt hatten über Europa, woran sich nichts geändert hat. Unter diesem Atomschirm leben wir bis heute und werden auch weiter leben, weil es keinen Staat und keine Kraft gibt, die das ersetzen kann. Niemand verfügt, auch nicht das Festland in China, über die atomare Zweitschlagsfähigkeit. Also, das alles ist unvergleichbar, mit dem Resultat, dass Frieden, sprich Gewaltfreiheit das oberste Kriterium der dortigen Situation in Zukunft bleiben wird.

Ist es ein Problem, dass China eine Großmacht ist, mit der Taiwan kaum auf Augenhöhe verhandeln kann?

Es gibt zwei Gesichtspunkte, die dazu zu sagen sind. Der eine Gesichtspunkt ist, man kann nicht übersehen oder genau einschätzen, ob die Entwicklung der gegenseitigen Verflechtung, der gegenseitigen Wirtschaft, ausreichen, um einen neuen Zustand zu erreichen, in dem die Frage der staatlichen Einheit nicht mehr die entscheidende Rolle spielt. Im Übrigen ist der Unterschied natürlich auch deshalb für mich beunruhigend, weil wir die Entwicklung in Europa eingeleitet haben mit Gewaltverzicht, das heißt mit kleinen Schritten, Vertrauensbildung, Kontrolle, und ich stelle fest, dass es solche Parallelen überhaupt nicht gibt.
In Europa sind Waffen abgebaut worden, Raketen abgebaut worden, die konventionelle Rüstung abgebaut worden. Europa ist heute der friedlichste Kontinent, wenn sie so wollen. Während sich die Entwicklung dahingehend gezeigt hat, dass in dem asiatischen Areal natürlich jeder Staat so viel aufrüstet, wie er kann und finanzieren kann. Und erstens gibt es dort sehr viel mehr Mitspieler, weil es nicht zu beherrschen ist durch zwei Überlegene, und es gibt eine solche Fülle von unterschiedlichen Interessen, ethnischen Schwierigkeiten, nationalen Schwierigkeiten, religiösen Schwierigkeiten, dass man sagen kann, es gibt keine Vereinbarungen, das zu reduzieren, vertrauensbildende Maßnahmen und jedenfalls zunächst mal Stopp von Rüstungen, oder Austausch von vertrauensbildenden Maßnahmen. Das heißt, die Lage ist viel explosiver, und selbstverständlich sind die beiden bisherigen einzigen, und China muss dazugerechnet werden als dritter Faktor, dazu verdammt, gezwungen, sich diesem Kontinent zuzuwenden. Europa ist Gott sei Dank unwichtig geworden, keine Gefahr mehr für die Welt oder den globalen Frieden. Und ob Europa in der Lage sein wird, sich als Pol in der multipolaren Welt zu zeigen, das hängt von Europa selbst. ab. Jedenfalls glaube ich, dass, ich kann mich da nur wiederholen, der einzige Weg der ist, mit allen Kräften die daran beteiligt sind und verantwortlich sind dafür, Stabilität, das heißt Frieden zu erhalten.

Welche Rolle spielen die USA dabei?

Ich kann in meiner Erinnerung sagen, dass in dem Augenblick, in dem Präsident Kennedy in Berlin gewesen ist und gesagt hat, ich bin ein Berliner, hieß das, wer diese Stadt berührt oder angreifen will, hat es mit dem mächtigsten Mann der Welt zu tun. Die Folge davon war, dass in der gesamten Zeit danach Stabilität garantiert war. Die Stabilität bestand darin, dass die Stadt geteilt blieb, das Land geteilt blieb, Europa geteilt blieb. Kein Versuch ist unternommen worden von irgend jemandem, die Situation in Deutschland zu erleichtern oder gar Schritte einzuleiten mit dem erklärten Ziel die deutsche Einheit zu gewinnen. Jetzt stelle ich fest, dass Präsident Obama in Australien die Erklärung abgegeben hat: Wir sind hier um zu bleiben. Ich könnte mir vorstellen, dass im positivsten Fall die gleiche Wirkung wie seinerzeit die Kennedy-Erklärung in Berlin ausgelöst werden wird, das heißt Stabilität, das heißt Status Quo, das heißt Sicherheit. Und das entsprich eigentlich, soweit ich das beurteilen kann, dem Interesse Taiwans wie dem Interesse Chinas.

Wie kann Taiwan dabei Einfluss nehmen?

Wir haben es damit zu tun, dass nach meiner Auffassung jedenfalls China, also das Mainland, genau weiß, dass es angewiesen ist auf ein vernünftiges Verhältnis zu Amerika. Das gilt umgekehrt auch. Sie können sagen, Wandel durch Annäherung gilt auch zwischen Amerika und China. Und dabei vergisst keine Seite die Gegnerschaft. Und das auszubalancieren ist Angelegenheit dieser beiden Großen. Ein Entscheidungsgewicht innerhalb oder zwischen diesen beiden Großen, dazu ist Taiwan zu schwach und zu klein.

Wie könnte der Westen Taiwan besser unterstützen?

Ich könnte mir vorstellen, dass Europa oder auch Deutschland sich klar machen muss, in welchem Maße es interessant ist zum Beispiel in Taiwan zu investieren, weil es im Grunde auch Investitionen sind, die das Verhältnis zu China positiv beeinflussen. Das ist für mich eine neue Erkenntnis, und ich werde darüber mit meinen Freunden sprechen, ich habe begonnen darüber zu reden.

Machen Sie sich Sorgen um die Zukunft von Taiwans Demokratie?

Also, ich kann doch im Rückblick dessen, was zu der heutigen Situation geführt hat, nur sagen, Taiwan hat eine demokratische Entwicklung nachgewiesen. Und eine Stabilität nachgewiesen. Und wirtschaftliche Erfolge nachgewiesen. Und eine Perspektive eröffnet für eine friedliche Fortsetzung dieser Entwicklung. Dass das auch auf China ausstrahlt, das heißt dass man dort mindestens am Rande, wo man das Fernsehen noch empfangen kann natürlich aufmerksam guckt, wie funktioniert das eigentlich und wie geht das eigentlich, und dass ein Massentourismus aus China nach Taiwan geht, das sind ja alles aufregende Dinge. Wobei man sagen kann, die Risiken für das Mainland sind begrenzt. Na gut. Aber es ist eine gegenseitige Beeinflussung mit da. Und mehr kann man doch gar nicht erwarten.